Zu viele Kinder sind heute von Kummer, Einsamkeit und Angst belastet. Sie leben in leiblich-seelischem Alarmzustand, der ihre geistigen Kräfte beengt. Ihre sinnlichen Empfindungen, ihre Wahrnehmungsfähigkeit und ihre Kraft zu leben, wird in einer Welt der Beschleunigung und voller Gewalt betäubt oder überreizt. Nicht wenigen Kindern mangelt es an äußerem und innerem Zeitraum für liebevolle, sichere Beziehungen.
Zugleich bringen Kinder aber ein – manchmal verschüttetes – großes Potential an Beziehungsfähigkeit, an Entfaltungsbedürfnis mit; einen vitalen Drang, das Leben zu erforschen und sich in ihren Möglichkeiten am Leben zu beteiligen. Dazu brauchen sie ein haltgebendes Gegenüber, ein auf ihre Bedürfnisse antwortendes Umfeld und ermutigende Begleitung.
Vor allem verletzte, vereinsamte Kinder brauchen Räume und Menschen, in und mit denen sie belastenden Erfahrungen Ausdruck und Gestalt verleihen können. Diesem grundlegenden Bedürfnis kommt die ARBEIT AM TONFELD entgegen.
Die Dürre unseres Sinnenbewusstseins in der heutigen Zeit und Kultur führt zu leiblicher und seelischer Not, insbesondere bei Kindern.
Wahrnehmen in und mit den Sinnen, im Lauschen, Tasten, Gewahrwerden, Schnuppern und Kosten ist im Alltag, aber auch Kita und Schule ausgedünnt.
Die Polarität von Berühren und Berührtwerden, von Bewegen und Bewegtsein, von Greifen und Ergriffensein, diese schöpferische Gestaltung lebendigen Tuns und dessen Bewusstwerden ist eine wesentliche Möglichkeit der ARBEIT AM TONFELD. Der schöpferische Akt am Tonfeld ist eine Gestalterfahrung bis in die vegetativen Tiefen des Leiberlebens hinein (in neuronale Netzwerke lt. G. Hüther, Neurobiologe).
Doch dieses Leib- und Sinnenbewusstsein kommt in einer Kultur des Virtuellen und rein auf Verstand ausgelegten Lernens zu kurz und die sinnliche Wahrnehmung als Basis aller Bindungsfähigkeit ist oft brüchig und gerade Kinder und auch Erwachsene finden keine Balance im Leben, keinen festen Stand. Kinder brauchen selbstschöpferisches Spiel, um lustvolles Aufgehen in ihren Sinnen zu erleben, damit Kreativität und Lebensfreude sie erfüllen kann. Sie brauchen Stimulation, sensomotorische Anregung und somit einen Wiederanschluss an frühe Sinnespotentiale, an Tasten und Berühren; das Tonfeld bietet einen idealen Grund durch die Erdigkeit, Feuchtigkeit und Formbarkeit.
Es ermöglicht ein Wiedereintauchen in ein grundlegendes Erleben leiblichen Getragenseins und Gegenübers. Bewegung wird Gestalt – Das Ich gewinnt Gestalt, erfährt Gestaltungskompetenz. Der Akt der Wahrnehmung (Aktualgenese) ist ein schöpferischer Gestaltungsprozess (lt. Friedrich Sander, Gestaltungspsychologe).
Gestaltbildung, Ich-Bildung und schöpferische Wahrnehmung kann sich nur dort erfüllen, Stand und Balance gewinnen, wo ein grundlegendes Erleben vorausgehend und begleitend gesättigt oder nachgenährt werden kann. Wo also kein leibhaftiger Boden gebildet werden konnte, das Subjekt Mensch im Innen und Außen keinen Grund finden konnte, wird es in der ARBEIT AM TONFELD eine Möglichkeit finden, diesen Grund im sinnlichen Umgang mit dem Material zu suchen und gestaltend in sich nachzubilden.
In der haptischen Diagnostik geht es nicht um Offenlegung sozialer Unterlassungen durch Eltern, Kindergarten, Schule etc., sondern darum Ansatzpunkte zu finden zur aktualen Entwicklung und so Vermittlungsansätze zu erkunden zum Selbstverständnis und vor allem zum Selbst –Stand, um unseren eigenen Raum und eigene Bedeutung gestalten zu können. Die ARBEIT AM TONFELD fungiert als Nischenwelt für das große Experiment der eigenen Lebensgestaltung.
Die ARBEIT AM TONFELD kann als Entwicklungsförderungsansatz angesehen werden. Dabei geht es um vorsprachliche Selbstbildung und Entwicklung von Kindern über den Ausdrucksmodus der Haptik. Die Haptik ist der früheste Sinn des Menschen, an den jeder weitere Sinn geknüpft wird. Über die Haptik vermitteln die Bezugspersonen (also die Eltern) normalerweise das grundlegende Erleben von Halt in der Form von hinreichender körperlicher Fürsorge, i.d.R. erweitert durch emotional haltende Fürsorge.
Unsere Haut mit der Funktion der Haptik (Bewegung/Berührung und Wahrnehmung) muss in diesem Sinne als primäres vorsprachliches Beziehungsorgan verstanden werden. Gelingt diese Verknüpfungs- und Strukturierungsentwicklung, wird eine sichere Grundlage für ein konsistentes Selbst im Kind gelegt. Es bildet sich ein implizites Gedächtnis, in dem erste sensomotorische Speicherungen gelegt werden, die idealerweise einen tiefgehenden Halt schaffen und die Basis für das Unbewusste legen (vgl. Geißler 2014).
Die Haptik ist somit nicht nur die erste Kommunikationsform des Menschen, sondern stellt auch die Schnittstelle zwischen Körper und Psyche dar, welche das Fundament für die Selbstwerdung des Menschen legt. Sie ist somit auch der intimste, unmittelbarste und auch universal verständlichste Beziehungssinn aller Menschen.
Aufgrund dieser Bedeutung der Haptik kann die ARBEIT AM TONFELD Kindern in ihrer Entwicklung helfen bzw. sie fördern, wenn sie aufgrund unzureichender zwischenmenschlicher Resonanz auf der vorsprachlichen, körperlichen Ebene „stehen geblieben“ sind. Sie kann beim Nachholen von grundlegenden Beziehungserfahrungen und basaler Beziehungsfähigkeit durch körperliche Halterfahrung Hilfestellung leisten, so dass soziale Interaktion ermöglicht oder verbessert wird.
Sie könnte weiterhin eine Therapiemöglichkeit im Sinne der Bindungstheorie für eine „korrigierende neue Bindungserfahrung darstellen – eine Nachreifungsmöglichkeit. Denn die basale Beziehungsförderung der ARBEIT AM TONFELD greift am Ursprung, dem größten menschlichen Beziehungsorgan an, der Haut, welche die unmittelbaren Berührungsreize direkt über die Nervenbahnen an das Gehirn weiterleitet. In diesem somatischen Dialog der Hände und des Tons von einem empathischen Begleiter „erkannt“, bestätigt und geführt zu werden, kann zu tiefer Affektregulierung führen, Halt kann bis in den körperlich wahrnehmbaren Bereich erfahren werden – dies ist eine wichtige Voraussetzung für eine unbeschwerte explorative Beschäftigung eines Kindes mit seiner Umwelt.
Die Haut fungiert dabei sowohl als Trennungsmembran zur Umwelt als auch als Beziehungs- oder Kontaktorgan. Wandlungsprozesse der Biografie werden in der ARBEIT AM TONFELD möglich. Diese werden durch die Begleitung gefördert und unterstützt –über die mentalisierende Funktion der Sprache.
Die Basissinne werden in der ARBEIT AM TONFELD vor dem Hintergrund ihrer qualitativen Verwendung vom Begleiter „gelesen“ und sprachlich Halt gebend wie auch körperlich durch die Erfahrung des Greifens in den Ton unterstützt und gefördert.